Corona machts möglich: Berliner Triathleten sind Nr. 1 in Europa

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Es ist ein Herzschlagfinale. Vier Avatare fahren in Perlenschnur aufgereiht auf das Zielbanner im britischen Yorkshire zu. Die Uhr läuft unaufhörlich weiter und als Stephan Leuendorff als vierter Fahrer des Teams die Wettkampf-Zielzeit dieses Teamzeitfahrens auslöst hat eine Gruppe Berliner Triathleten Gewissheit erlangt: einerseits haben sie zwar in diesem Rennen die Tageswertung bei knapp 36 Minuten Wettkampfdauer um den Wimpernschlag von 6 Sekunden gegen das niederländische Team von Hellas Triathlon Utrecht verloren. Andererseits beginnen umgehend die Feierlichkeiten, denn da sie den Vorsprung auf das italienische ‘PPRteam’ auf 49 Sekunden ausbauen konnten war klar, dass sie in der Gesamtwertung als erstes Team überhaupt die von der Europäischen Triathlon Union ausgerufene virtuelle Clubwertung gewinnen.

Als die Gründungsmitglieder Robin Keller und Daniel Frobeen im Dezember 2019 erstmals ein Team formierten um auf der virtuellen Sportplattform WTRL an wöchentlich ausgetragenen Teamzeitfahren teilzunehmen ahnten sie nicht, dass sie diese Idee wenige Monate später an die Spitze der europäischen Triathlon-Clubrangliste setzen würde. Aber wie so vieles in Zeiten der Coronavirus-Pandemie anders ist – so auch die Methode, wie die ETU ihre offiziellen Wettkämpfe ausruft. 

Im März reifte weltweit die Erkenntnis, dass Triathlon-Wettkämpfe in der Form, wie man sie seit Jahren kennt wegen der akuten Ansteckungsgefahr am neuartigen SARS-CoV-2 nicht möglich sind. Anfangs näherte die Ausdauersportler noch die Hoffnung, dass dies ein kurzfristiger  Zustand bleiben würde, doch mit steigenden Infektionszahlen und neuen wissenschaftlichen Fakten zum Virus verdichtet sich die Erkenntnis, dass es mit der Wiederaufnahme klassischer Wettkämpfe noch eine Weile dauern wird.

 

Viele Verbände sind zum Umdenken gezwungen, so auch die Europäische Triathlon Union, die dann Mitte April einem allgemeinen Trend folgt. Viele Ausdauersportler hatten ihre Aktivitäten auf virtuelle Plattformen verlegt. Diese sind im Prinzip Computerspiele, die statt eines Controllers mit Muskelkraft der Athleten gesteuert werden. Die durch Sensoren erfasste Leistung auf einem Rad, was in der Wohnung, Keller oder Garage des Athleten aufgestellt ist, wird auf die Avatare im Spiel in Geschwindigkeit umgerechnet. Immer komplexer werdende Algorithmen sorgen dabei dafür, dass Elemente der gewohnten Outdoor-Aktivitäten realitätsnah umgesetzt werden. Steigung in der virtuellen Welt wird durch schwereren Widerstand am Antriebsrad simuliert, ebenso wie die höhere Geschwindigkeit bei gleicher Leistung, die die Avatare bei geschickter Ausnutzung des Windschatten annehmen.

Wie auch in der realen welt: Die Position ist entscheidend

Wie auch in der realen welt: Die Position ist entscheidend

Auf der benutzerstärksten virtuellen Plattform Zwift bieten sich dadurch eine Vielzahl von Trainingsmöglichkeiten. Und eben auch im Gegensatz zur virusgeprägten Welt vor der Haustür die Gelegenheit, sich im Wettkampf mit Gleichgesinnten zu messen. Ein Format dabei ist das Teamzeitfahren, ein spektakulärer und ebenso komplexer Wettbewerb, bei dem 4 bis 8 Athleten als Team bemüht sind auf definierter Strecke gemeinsam die schnellste Zeit zu fahren. Traten hier im Januar und Februar noch regelmäßig 100 – 120 Teams wöchentlich am Donnerstag an, führte der Boon virtueller Plattformen zu mehr als einer versechsfachung dieser Teilnehmerzahlen. 

Berlin Hot Crankz

Berlin Hot Crankz

Die ETU sprang auf diesen Zug auf und hierdurch profitierte das Team rund um Keller und Frobeen, welches unter dem Namen ‘Berlin Hot Crankz’ (BHC) fährt. Die Berliner entwickelten nach ihrer Rennpremiere am 9.Januar zunehmend Begeisterung für dieses Rennformat. Die Umsetzung auf Zwift erfordert intensive Taktiküberlegungen. Es gilt die Teamformation zu identifizieren, unter der man bei Ausnutzung des Windschatten die höchste Geschwindigkeit erzeugt. Die wöchentlich wechselnden Wettkampfstrecken werden hinsichtlich Länge, Höhenprofil, sowie weiteren Besonderheiten analysiert und eine geeignete Renntaktik abgeleitet. 

Im Mai trug nun die ETU mangels alternativer Wettkämpfe in insgesamt vier Rennen im Zwift-Teamzeitfahren ihre Club-Europarangliste aus. Nachvollziehbar, denn längst stiegen viele Triathlonclubs, aber auch international bekannte Profiathleten und mehrfache Ironman-Sieger, wie Alessandro Degasperi (ITA) oder Cyril Viennot (FRA) in dieses Format ein. Im ersten Rennen blieb noch die Equipe des italienischen PPRteam siegreich, dicht gefolgt von den Berlinern, die mittlerweile mit jeweils 8 aus dem eigenen Pool von insgesamt 14 Fahrern antreten. Eine Woche später folgte der erste Berliner Tagessieg. Nach einem weiteren zweiten Platz stand dann rechnerisch fest, dass im Abschlussrennen ebenfalls Rang 2 zum Gesamtsieg reichen würde. 

Im selbst produzierten Livestream der Rennen, in dem sowohl das Renngeschehen der virtuellen Welt, wie auch die angestrengten Gesichter der Athleten dem Zuschauer präsentiert werden, konnte eben dieser erforderliche Rang eingefahren und der Titel gesichert werden. Das sie nun in den folgenden Austragungen das gejagte Team sind, stört die Berliner in keinster Weise. “Ich gehe davon aus, dass wir auch im Juni Champions werden.” sagt Sven Rozek, der in Berlin-Lichterfelde wohnende Spitzenfahrer des Teams. 

 

Aus dem als Spaß begonnenen Projekt ‘BHC’ ist längst eine ernsthafte Angelegenheit geworden. Die ersten Merchandising-Artikel sind produziert und das eigene Trikot in Herstellung – natürlich für den realen Einsatz auf dem Rennrad. Auch erste Events in der echten Welt sind in Planung. Zur Sommersonnenwende steht ein Charity-Everesting am Anstieg zum Teufelsberg im Kalender. Dabei wollen die Fahrer des BHC und Gäste in wiederholten Auffahrten die gesamten Höhenmeter des Mount Everest erklimmen. Außerdem ist für Juli eine Teilnahme am Teamzeitfahren mit allen 8 Fahrern und Moderation auf einer Eventfläche in Berlin angesetzt. Ob die mit kulinarischem Rahmenprogramm verwöhnten Zuschauer dabei einen weiteren Schritt zur Verteidigung der europäischen Spitzenposition sehen, wird sich zeigen.

 

Links: 

European Triathlon Union

European Triathlon Union – Virtual Competition

Rangliste

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